„Peace on paper“ im Kunstraum Neuss

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Einführung in die Ausstellung „Peace on Paper“ von Anne Hefer, Vorsitzende des Vereins der Düsseldorfer Künstlerinnen e.V.

Peace on Paper- so der Titel dieser Ausstellung- geht auf das internationale Ausstellungsprojekt zurück, das von einer iranischen Organisation gegründet wurde, um für zeitgenössische iranische Künstlerinnen ein Forum zu schaffen. Im Jahr 2016 wurde das Projekt als 2. Kunstbiennale in Teheran und Istanbul durchgeführt. Künstlerinnen aus aller Welt konnten sich beteiligen und mit ihren Werken den Dialog für Frieden, Toleranz und Gerechtigkeit fördern. Ein Gegenbild zu den Bildern von Krieg und Terror, wie wir sie tagtäglich erleben müssen, soll auf einem „Stück Papier“ entworfen werden: peace on paper eben.

Wir vom Verein der Düsseldorfer Künstlerinnen greifen das Thema mit Freude auf. Die Möglichkeit dazu verschaffte uns das Kunstforum Neuss. Dafür bedanken wir uns sehr herzlich. Bedanken möchte ich mich auch im Namen aller bei unserer Kollegin Birgitt Verbeek, die mit hohem Einsatz für die Organisation mit gesorgt hat, und bei Mauga, die bei der Hängung hilfreich war.

Lassen Sie uns nun einen Blick auf die Werke der Ausstellung werfen, um Gruppierungen aufzuzeigen und Positionen herauszustellen. Vorweg lässt sich sagen:
In all unseren Arbeiten wird deutlich, dass wir der mehr als hundertjährigen Tradition unseres Vereins folgen, indem wir zu ganz eigenen, individuellen Zugängen und Sinngebungen stehen. Schon die Gründerinnen des Vereins Düsseldorfer Künstlerinnen fühlten sich – entgegen anderer Künstlervereinigungen, wie es beispielsweise beim „Blauen Reiter“ der Fall war – nicht verpflichtet, gemeinsame künstlerische Ausdrucksmittel zu benutzen. Wir haben es hier in der Ausstellung mit einer Vielfalt von stilistischen Ausdrucksmitteln und Inhalten zu tun.

Ein Passus, den unsere Kollegin Ina-Maria von Ettingshausen auf unserer Homepage eingestellt hat, kennzeichnet das Selbstverständnis der derzeitigen Düsseldorfer Künstlerinnen und stimmt zugleich überein mit dem Thema dieser Ausstellung. Ich zitiere:

„Wir stellen uns immer wieder grundsätzlichen Fragen, die sich aus unserem Drang nach künstlerischer Existenz und reflektierter gesellschaftlicher Präsenz aufwerfen. Wir gehen einen kontinuierlichen Prozess der Gegenwartsauseinandersetzung… Mitmenschliches Engagement, sich vernetzendes Denken sowie offenes Wertebewusstsein fließen ein in unseren künstlerischen Ausdruck.“

Hier nun die Beispiele:

In ihrer Papier-Collage mit dem Titel „Zur Frage der europäischen Fliehkräfte“ greift die Künstlerin Mauga ein gegenwärtiges Geschehen auf. Die Arbeit entstand unmittelbar nach dem Brexit, den sie als bröckelnde Solidarität für Europa auffasst. Genau so vermisst sie ein stärkeres Engagement für die Kriegsflüchtlinge aus dem Mittleren Osten. Ein Aufruf also zu Empathie und Zusammenhalt.

Auch Marion Müller-Schroll bezieht sich auf die gegenwärtige Situation der Flüchtlinge. Ihre Arbeit ãJe t«embrasseÒ stellt zwei sich umarmende Figuren dar. Die Künstlerin möchte Mitgefühl für all diejenigen entfachen, die unserer Hilfe bedürfen. Wir sollten bereit sein zu teilen, so ihr Statement. In der klaren politischen Haltung von Inge Welsch wird deutlich, dass es darauf ankommt, Brücken zu bauen, um eine weltumgreifende Verständigung zu schaffen. Ihre Arbeit zeigt imaginäre Länder und Kontinente, die miteinander verbunden sind. Noch sind nicht alle Brücken gebaut. Ein Appell also an die Betrachter, weiter Verbindungen zu schaffen.

Mit schwarzer Japantusche hat Daniela Flšrsheim das mehr als ein halbes Jahrhundert bestehende und global bekannte Peacezeichen auf Papier gemalt. Mit dem Symbol für Freiheit und Protestzeichen für nukleare Abrüstung fordert die Künstlerin gleichsam dazu auf, für „Peace und Love“ einzustehen.

Ina-Maria von Ettingshausen zeigt in ihrer Foto- und Textcollage ãThe Origin of the flame of Hiroshima and NagasakiÒ eine steinerne Friedenstaube mit einer kleinen immer brennenden Flamme aus der Nuklearkatastrophe. Diese Taube ist Kern des Monuments in Tokyos Ueno Park – ein Zeichen gegen Atomwaffen und für den Frieden. –

Dass der Friede gefährdet ist vor allem durch Waffen und Waffenhandel, zeigt die Arbeit von Alexandra Sonntag: Die Handfeuerwaffe Glock 17 wird in zynischer Weise vor perfekter Urlaubskulisse, einer idyllischen Landschaft mit Palmen, präsentiert. In einer solchen Kombination werden die Bedrohung und das Grauen unmittelbar verschärft. Eine Situation, die sofort Szenen aus der Gegenwart evoziert und nach Veränderung drängt.

Soweit die Arbeiten, die deutlich Stellung beziehen zu der gegenwärtig weltweit angespannten Situation.

Karin Flšrsheim lässt uns dagegen mit ihrem ãFenster am MeerÒ entspannt in die Weite schauen. Alles Leben entstand im Meer, konstatiert die Künstlerin. Mit ihrer Arbeit spiegelt sie die Sehnsucht nach Weite wider. Begrenzungen sind ausgeschlossen. Auch

Angela Hiss lädt zu Gelassenheit ein, um inneren Frieden zu finden. Den Titel ihrer Arbeit ãO schlummre ruhig weiterÓ hat die Künstlerin einem Antikriegsgedicht entnommen. In einem Papierschnitt auf einer Frottee-Unterlage sind ruhende Personen zu sehen, die sich auf Liegestühlen räkeln. Sie sind allerdings nur halb zu sehen; ihre Oberkörper sind abgeschnitten: Irritierend und komisch zugleich.

Einen ganz persšnlichen Eindruck gibt Renate Linnemeier in ihrer Collage ãLost ParadiseÓ wieder: Sie hat über mehrere Wochen eine Art visuelles Tagebuch geführt, in dem sie die Dinge festhält, die sie berühren. – ãTempus fugitÒ, so der Titel einer Arbeit von Yolanda Encabo: Die Zeit flieht, und ihre Bilder halten sie fest in der kleinsten Einheit, dem Augenblick. Ziel der Künstlerin ist, die Freude am Leben zu bewahren, vor allem auch an der Kommunikation untereinander.

Die Medien, insbesondere die Zeitungen, tragen entscheidend dazu bei, Haltungen zum Zeitgeschehen zu entwickeln. So ist es nicht verwunderlich, dass eine Gruppe von Künstlerinnen Zeitungspapier mit aktuellen Meldungen als Bildgrund benutzt.

Brigitte van Laar platziert in ihrer Monotypie mit dem Titel ãZeit und EwigkeitÓ einen Buddha auf Zeitungspapier, sozusagen Peace on Paper. Wie schnell geraten Horrormeldungen und tägliche Havarien in Vergessenheit. Bestehen bleiben sollte, so die Ansicht der Künstlerin, unsere friedvolle Haltung als bleibende Wirkung.

Auch Gepa KlingmŸller benutzt Zeitungspapier als Unterlage, um auf Spannung und Entspannung weltweit einzugehen. Die Zeitungen dienen als Unterlage für farbige Kreidezeichnungen, die dieses spannungsreiche gegenwärtige Geschehen aufnehmen: dunkle Dynamik – offene Aggression – wiedergefundenes Einvernehmen spiegeln sich in den Zeichnungen wider. Die Künstlerin Matre hat in ihrer Collage mit dem Titel ãRespice FinemÒ eine Rabenfeder als Symbol der Kriegserklärung in den Mittelpunkt gerückt, kontrastiert durch diverse Meldungen zum Zeitgeschehen.

Soweit die Arbeiten der Künstlerinnen, die auf ganz unterschiedliche Weise persšnliche Haltungen zu den aktuellen Ereignissen, wie sie sich in den Zeitungen spiegeln, ins Bild setzen.

Ich komme nun zu einer Gruppe von Arbeiten, die eher hintergründig auf das Thema der Ausstellung eingeht. Dabei spielen Tierdarstellungen eine entscheidende Rolle.

Birgitt Verbeek benutzt in ihren Arbeiten den Hasen und die Friedenstaube als Sinnbild: Der Hase ist Symbol für Frieden, auch für Wiedergeburt, Gerechtigkeit und Hoffnung – kurz, ein Symbol für Leben schaffende Kraft. Wer genau hinschaut, erkennt das Gesicht Nelson Mandelas im Hasenkörper und in der Friedenstaube Papst Benedikt XVI.

Beide der Inbegriff von Versöhnung und Ausgleich und damit Friedensstifter. – „ZickasÒ, die Ruth Steinkamp-Malz immer wieder zum Bildmotiv erhebt, sind für die Künstlerin von besonderer Bedeutung: Die Ziegen, die die Künstlerin über Jahre beobachtet und gezeichnet hat, zeigen Gesichter und Gefühle; Zickas zeigen ihre Klugheit und ihren feinen Sinn beim Führen der Herden. Für die Künstlerin ist klar: Sie haben eine Seele und sie mögen den Menschen.

Ähnlich sieht es Gudrun Schuster: Der Wolf ist ein Symbol für Sensibilität und Sozialverhalten von je her; er kommt weltweit in Mythen und Märchen vor. Insbesondere die Wolfsfrau als Urmutter, hier im Bild zu sehen, steht für Frieden und Freiheit. Damit gibt die Künstlerin den Anstoß, für besseres interkulturelles Verständnis einzustehen.

Soweit die Tierdarstellungen mit ihrer Symbolkraft.

Carl Friedrich von Weizsäcker sagt in seinem Buch „Die Zeit drängt“ – ich zitiere: „Kein Friede zwischen den Menschen ohne Frieden mit der Natur“. Für ihn ist das eine Forderung der Vernunft. So sieht das auch eine Gruppe von Künstlerinnen, die die Natur als Sinnressource ansieht.

Anja Krahe hat von jeher die Natur als Inspirationsquelle angesehen. In ihrer Fotocollage zeigt sie zwei Pflanzen, die als Sinnbild für Krieg und Frieden stehen. Der Traum der Künstlerin: dass der Frieden wächst, ja wuchert, so wie die Pflanze, die über das Bild hinaus ragt. Marlies Blauth erkennt mit ihrer Arbeit ãHerbariumÒ – so der Titel dreier Zeichnungen auf Fotopapier – die Natur als Ort des Friedens. Sie wandert friedlich durch die Landschaft und spürt mit dem Zeichenstift Formen der Pflanzenwelt auf. Erstaunlich und bemerkenswert ist, dass sie dabei auf Pflanzen stößt, die sich an „unmöglichen Stellen“, ansiedeln. Das zeigt auch Birgit Martin in ihrer Fotoserie ãVerlassene OrteÒ, in der wirkliche Oasen in der Innenstadt von Düsseldorf zu sehen sind: Wildromantisch blühen hier Mohn, Rosenbüsche, Oleander an Gebäuden, die zum Abriss vorgesehen sind; Wildpflanzen ranken aus altem Mauerwerk empor. Auch in dem hier ausgestellten Foto werden Verfall und blühendes Leben in ein und demselben Bild gezeigt. Die Künstlerin hält mit ihrem Foto einen Augenblick vor der Zerstörung fest und zeigt die Schönheit des alten Gemäuers im Zusammenspiel mit der Natur.

Mit Kreide und Tusche hŠlt auch Dagmar Bechhaus ein altes Gebäude im Bild fest. ãund irgendwo daÒ – so der Titel des Bildes. Die Künstlerin fragt sich, wer da gewohnt haben mag: ein alter Mann, eine alte Frau, die weggegangen sind? Keiner kümmert sich darum, was mit ihnen ist.

Sibylle Gršne setzt Landkartenmaterial, das auf Eisenplatten liegt, dem Wetter aus. Das Papier zeigt schon bald Spuren der Korrosion. Die derart verwandelten Karten werden anschließend zu einer Flotte aus Oregami-Schiffen gefaltet und nach dem Prinzip der „Puppe in der Puppe“ ineinander gesteckt. Diese ãShipping Post HopeÒ, so der Titel, ähneln der Patina eines Schiffrumpfes, der durch Zeit und Wetter gegerbt wird. Die trotz der Spuren noch erkennbaren Namen der Orte auf den Landkarten laden den Betrachter zu einer imaginären Reise ein.

Eine ganz andere Reise tritt Sabine Tusche an: Sie unternimmt eine Wanderung durch die Kunstgeschichte. In ihrer Serie ãLeonardo reloadedÒ nimmt sie Frauenportäts auf und verfremdet die einzelnen Gesichter durch Tätowierungen. Bei genauer Betrachtung
entdeckt man den roten Schriftzug „peace“, der in die Haut eingraviert ist.

Mit ihrer ãPeace SoupÒ hat Rose Kšster eine zunächst überraschende Arbeit zum Thema gefertigt: Es handelt sich um eine Hommage auf die Gemüsesuppe. Wie auf einem Stilleben sind wesentliche Zutaten einer Kohlsuppe asiatischer Art auf dem Bild zu sehen – teilweise collagiert, teilweise aquarelliert. Die Gemüsesuppe als Teil der menschlichen Mahlzeit ist weltweit verbreitet und ihre Bedeutung unbestritten. Als Metapher für Lebensbewahrung will die Künstlerin ihre Arbeit verstanden wissen. Wohl wahr: Hunger in der Welt trägt jedenfalls nicht zum guten Leben, d.h. zum Frieden bei.

ãJuste au CorpÒ – so der Titel einer Arbeit von Helga WeidenmŸller; die Arbeit ist aus geschichtetem gewachsten Papier hergestellt. Zu sehen ist eine schemenhaft angedeutete Frauenfigur; angesprochen sind Hülle und Haut und ihre gewaltsame Berührung. Die krakelige Schrift im Hintergrund nimmt die Worte des Titels auf und wirkt so, als wäre sie in großer Bedrängnis geschrieben worden: Erlebnisse, die sich in die Haut eingebrannt haben – Brandzeichen sozusagen. Assoziationen zu Gewalt, die den Frauen im Krieg und auch im Frieden angetan wird, tauchen unwillkürlich auf.
Last not least geht es bei dem Thema der Ausstellung auch – ich spreche in eigener Sache- um den Frieden unter den Geschlechtern. Das Bild des Mannes – hier in zwei Graphitzeichnungen zu sehen – ist entspannt und in sich ruhend dargestellt – jedenfalls steht keineswegs virile Power im Vordergrund. Im dritten Bild kommunizieren Mann und Frau in entspannter Haltung miteinander. Kommunikation aufrecht zu erhalten, das könnte Gewalt verhindern und so für friedliches Beisammensein sorgen.

Felicitas Lensing- Hebben schließlich fasst kurz und bündig zusammen, was all diese Arbeiten zum Ausdruck bringen: „Wenn auch stets brüchig, ist Frieden ohne Alternative“. In ihren beiden Arbeiten spiegelt sich exakt dieses Statement wider: Eine brüchige Maulbeerbaumrinde hat die Künstlerin aus Limoges porzellan modelliert, auf Büttenpapier appliziert und mit Champagnerkreide bemalt – alles brüchig zwar, auch unvollkommen, aber doch schön anzusehen in der Struktur: eine gelungene Metapher für Frieden. Ja, „man muss ins Gelingen verliebt sein“, sagt Ernst Bloch.

Meine Damen und Herren, wir wissen natürlich, dass wir mit all unseren Arbeiten den Frieden in einer Welt der Kriege und Krisenherde nicht herbeizaubern können. Aber, damit der Frieden nicht nur auf dem Papier steht, sollten wir uns doch den Sinn fŸr das Mšgliche bewahren und weiterhin von einer friedlichen Welt trŠumen. Denn, sagt Goethe, „… so verwandelt ein leidenschaftliches Vorausgreifen das wahrhaft Mögliche in ein erträumtes Wirkliche“.

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